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SPIELZEIT-Portrait Eva Meyer-Keller | Tagespiegel | Februar 2018

Früchte sind vor ihr nicht sicher. In ihrer bekanntesten Performance „Death is certain“ hat Eva Meyer-Keller Kirschen auf alle erdenklichen Weisen massakriert – mit Giftspritze oder Stromschlag. Das Stück, das Gewalt- und Folterszenarien im Küchenkontext durchspielt und dabei eine Mischung aus Grusel und Lachen provoziert, hat sie gerade erst im Iran aufgeführt. Aber auch in der neuen Produktion „Some Significance“ experimentiert sie wieder mit Obst. Die Performerinnen fädeln einen Apfel in den Fuß einer Feinstrumpfhose, binden sich das Gebilde um und beginnen, sich um die eigene Achse zu drehen. Rutherfords „planetarisches“ Atommodell, wonach der Atomkern, eine positiv geladene Kugel, von negativ geladenen Elektronen umkreist wird, wird hier auf ebenso simple wie spielerische Weise visualisiert. Später werden Trauben und Käsewürfel auf Schachlikspießen so arrangiert, dass sie an eine Doppelhelix erinnern. Auch hier findet sie wieder einen besonderen Dreh.

Meyer-Keller, die an der Schnittstelle von Tanz und bildender Kunst arbeitet, beschäftigt sich in ihrer neuen Arbeit mit Modellen der Naturwissenschaft, insbesondere der Physik. Solche Modelle stellen Phänomene dar, „die wir nicht sehen können, die nicht greifbar sind und eigentlich so nicht existieren“, erläutert sie. Auch das Atommodell habe sich ja ständig verändert.

Ihre künstlerischen Forschungen werden angetrieben von ganz fundamentalen Fragen: „Mir geht es ganz grundlegend darum: In was für einer Welt leben wir eigentlich – und wie ist die beschaffen?“ Sie versucht immer wieder, das Unerklärliche oder schwer Begreifliche greifbar zu machen, seien es Naturkatastrophen wie in „Cooking Catastrophies“ oder eben die Theorien der Quantenphysik. Dabei bedient sie sich aus einem Arsenal ganz banaler Gegenstände. „Indem ich ganz alltägliche Dinge benutze, die uns vertraut sind, und sie dann auf eine Art verwende, die nicht-alltäglich ist, entsteht eine gewisse Irritation.“ </SB>Ihre künstlerischen Übersetzungen sind verblüffend und humorvoll - und wecken zugleich den Wissensdurst der Zuschauer.

Die Bühnensituation in „Some Significance“ lässt an ein Labor denken. Sheena McGrandles, Tamara Saphir, Annegret Schalke führen mit großer Konzentration ihre Versuche durch. Manches hat auch einen gewissen Do-it-yourself-Charme. An der Szene, in der sie das Schalenmodell rekonstruieren, mit dem Nils Bohr den Quantensprung veranschaulichte, arbeiten sie noch. Da kommen Teller, Murmeln und Scheinwerfer zum Einsatz. Zum Schluss baut das Trio die „CloudChamber“ nach, eine Entdeckung des schottischen Physikers Charles Wilson. „Das ist ein tatsächliches Experiment“, erzählt Meyer-Keller.

Beim Gespräch tippt sie mal kurz das Doppelspalt-Experiment an oder spricht über Interferenzwellen. Man merkt, dass sie sich in die komplizierte Materie vertieft hat. Anfangs habe sie eine gewisse Scheu gehabt, sich mit moderner Physik zu befassen, erzählt sie. Ihr Projekt stellt in gewisser Weise auch eine Selbstermächtigung dar. So spielerisch ihre Herangehensweise auch ist – mit Ignoranz hat das nichts zu tun. „Ich habe tiefen Respekt vor der Arbeit der Naturwissenschaftler“ betont sie. „Als Künstlerin habe ich aber die Chance, damit ganz anders umzugehen.“ Doch auch ein heiterer Skeptizismus schwingt bei ihr mit. Die Modelle der Wissenschaft sieht sie letztlich als Fiktionen an.

Zwischen Kunst und Naturwissenschaft gibt es wenig Berührungen. Eva Meyer-Keller findet das schade. Von einem Dialog könnten beide Seiten profitieren, davon ist sie überzeugt. Sie selbst hat sich bei ihrem Projekt mit dem Berliner Physiker Alexander Carmele ausgetauscht. Und nun hat sie angebissen: „Ich habe total Lust, Serien von Arbeiten zu machen, die sich mit den eher unzugänglichen Bereichen der Naturwissenschaft beschäftigen – immer in enger Zusammenarbeit mit einem Wissenschaftler.“



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