Jan-Paul KoopmannGeschichten zwischen Dingen2019

    taz mittwoch, 11.dezember 2019

    Geschichten zwischen Dingen

    Die Bremer Hochschule für Künste arbeitet an einem „Dynamischen Archiv“ für künstlerische und technische Arbeitsweisen. Performance-Künstlerin Eva Meyer-Keller arbeitet an einem Beitrag, der das ganze Ding auf den Kopf stellen könnte

    Von Jan-Paul Koopmann

    Da sitzen sie tagelang auf einem kargen Fußboden, um zwischen Fotos, Klebezetteln und allerlei Listen an den Details eines ausgesprochen komplizierten Witzes zu feilen. Und der ist wirklich lustig – um das gleich vorwegzunehmen –, auch wenn die Sache erst einmal ziemlich dröge klingt. Es geht um „Das Dynamische Archiv“ der Bremer Hochschule für Künste (HfK): ein Internetprojekt, das gerade Stück für Stück mit künstlerischen und technischen Arbeitsweisen gefüttert wird. Es geht also weniger um das Was der teilnehmenden Institutionen, sondern um das Wie ihrer Arbeit. Softwareentwicklerinnen machen da mit sowie auch Museen, das Oldenburger Edith-Russ-Haus für Medienkunst – und aus dem Theaterbereich auch die Bremer Schwankhalle. Die hat nun Performance-Künstlerin Eva Meyer-Keller aus Berlin eingeladen, eine Arbeit für dieses Archiv zu entwickeln und sie dort einzuspeisen. „Scores of Matters“ heißt der Beitrag, der noch längst nicht fertig ist, der aber schon jetzt schon damit droht, die ganze Geschichte gewaltig auf den Kopf zu stellen. Dinge in alle Schubladen Der Arbeitsauftrag ist einigermaßen vage – und verlangt den Teilnehmerinnen ab, sich auch kritisch zur eigenen Arbeit zu verhalten. Wie weit geht zum Beispiel Open Source in der Kunst? Oder: Wer soll mit so einem Eintrag wie arbeiten können? Gerade für die freie Performance-Szene ist das hochinteressant. Nur wenige können auf das gebündelte Wissen nur sehr weniger großer Produktionshäuser zurückgreifen. Würde es tatsächlich gelingen, das oft eher praktische Denken hinter einer Performance abrufbar zu archivieren, könnte es zu einem sehr wertvollen Werkzeug für die Künste werden. Nur weiß eben niemand, wie genau so was gehen könnte. „Ich will das gar nicht auf die richtige Weise machen“, sagtEva Meyer-Keller, der Beitrag sei ein Spiel mit dem Archiv und eines über das Archivieren. Was nicht heißt, dass es kein ernstes wäre. Meyer-Keller arbeitet seit vielen Jahren vor allem mit Objekten, beziehungsweise mit dem Rattenschwanz, der an scheinbar schnöden Sache so dranhängt, wenn man fragt: Was für Emotionen sind damit verbunden? Welche Geschichten? Ja, und wenn man es ganz dicke will, dann auch: Wie viel Blut klebt dran? Weil ja doch erstaunliche viele Alltagsgenstände bis heute die Spuren kolonialistischer Raubzüge tagen. Der Tampon baumelt am Faden wie ein Teebeutel, der zum Teeei führt, das wiederum einer Schere ähnelt Für das Archiv haben Meyer- Keller und ihre Mitarbeiterinnen Ilya Noé und Emilia Schlosser nun erst einmal eine lange Liste aufgesetzt darüber, womit sie in der Vergangenheit so alles gearbeitet haben: „Schere“ steht drauf, „Aquarium“, „Rumflasche“ oder „Tampon“. Ungefähr 100 sind es bislang, und ob es dabei bleibt, ist noch offen. Jedenfalls soll am Ende eine Website entstehen, auf der diese Dinge als Schattenfotos aus verschiedenen Perspektiven auftauchen und verwaltet werden. Der besagte Witz liegt nun darin, dass diese Dinge nicht einfach in ein starres System gepresst werden – sondern zeitgleich in mehrere Systeme. Nach Gewicht sortiert kann die Website sie etwa ausgeben, entlang ihrer Formen und Farben, oder aber auf den Grundriss einer Wohnung verteilt. Und spätestens hier wird die Absurdität dann auch klar: Denn natürlich lässt sich ein Tampon aus je guten Gründen nicht nur dem Badezimmer zuordnen, sondern auch dem Schlafzimmer, der Küche, dem Wohnzimmer – er kann und wird eben überall eine Rolle spielen, wenn man nur danach fragt. Um kurz bei diesem Tampon zu bleiben: Für die Anwendung ist die Kategorie „Gewicht“ einigermaßen egal, die „Form“ wiederum absolut entscheidend. Umgekehrt verhält es sich wiederum beim Zucker: In heißem Tee kommt es nur auf die Menge, während man spätestens beim Umrühren getrost vergessen kann, ob diese drei Gramm früher mal ein kantiger Würfel waren oder ein Häufchen klitzekleiner Krümel. Gedanken im Labyrinth Erstaunlicherweise werfen aber gerade die abstrakten Kategorien auch die größten Verunsicherungen auf. Für den Markt ist die Zuckerform zum Beispiel überhaupt nicht egal, wie Eva Meyer-Keller erinnert, weil sich Würfel eben so schön stapeln und dosieren lassen. Andererseits verweist das Gewicht des Tampons am stärksten auf seinen Rohstoff und den Warencharakter: Baumwolle, ein klassisches Beutegut aus den Kolonien. Man kann beim Herumtreiben in Eva Meyer-Kellers Archiv auf diesen Gedanken kommen – es muss aber auch nicht passieren. Und das ist genau der Punkt: Assoziationsketten entrollen sich hier- oder dorthin. Sie sind nie zwingend und widersprechen sich auch gern mal. „Scores of Matters“ versucht nun gerade, dieses Nichtlineare aufzugreifen und die Gleichzeitigkeit verschiedener Wege und Gedanken zu dokumentieren. Das heißt: Für den Erklärtext neben dem Tamponfoto macht es einen großen Unterschied, auf welchem Pfad durchs Archiv die Leserin hierher gefunden hat. Auch im Archiv gilt also eine Grundregel der Performance-Künste: Objektives Überblickswissen gibt es nicht, was zählt, ist die subjektive Erfahrung. Für ein Archiv ist das eine Zumutung, auch für ein dynamisches. Ilya Noé legt eine Reihe von Gegenständen auf den Boden, ein Muster nach beinahe zufälligen Verknüpfungen: Der Tampon baumelt am Faden wie ein Teebeutel, der zum Teeei führt, das wiederum einer Schere ähnelt. Und da bricht die Reihe kurz ab, weil Emilia Schlosser sich fragt, warum die Metapher von der „Schere zwischen Arm und Reich“ so unzureichend ist. Weil eben keine Symmetrie in der Gesellschaft steckt, sondern hier sehr, sehr viele gegen sehr, sehr wenige stehen. Ein Gedanke im Labyrinth, der vielleicht hängen bleibt, und vielleicht auch nicht. Gerade für die Performances von Eva Meyer-Keller ist wichtig, was passiert, wenn man Dinge ein bisschen anders benutzt als üblich. Zu sehen war das in Bremen etwa in „Death is certain“, wie sie Obst zerstört und in organisch-monströse Brocken zerlegt hat. Oder in „Things on a table“, wo ein und dieselben auf einem Tisch liegende Gegenstände dank Sound, Licht und Kontext mal als symbolisch überladenes Stillleben daherkommen – dann wieder als plumpes Werbeplakat. Noch komplexer ist Meyer-Kellers jüngste Arbeit, „Living Matters“, die gerade in Essen Premiere gefeiert hat. Hier erzählen Laborabläufe an verschiedensten Geräten und Präparaten eine Idee naturwissenschaftlichen Arbeitens, hinter der irgendwo versteckt die Geschichte von Henrietta Lacks schlummert: einer schwarzen US-Amerikanerin, der in den 1950ern ohne ihr Wissen Zellen entnommen und kultiviert wurden, die bis heute in der medizinischen Forschung verwendet werden. Auch das sind Geschichten, die zwischen den Dingen spielen. „Living Matters“ spricht nie direkt von Henrietta Lacks und diesem Fall. So etwas wird auch das dynamische Archiv nicht sichtbar machen. Aber vielleicht wird beim Verirren zwischen den Datensätzen doch fühl- und begreifbar, dass irgendetwas jenseits unserer Kontrolle passiert, oder bereits passiert ist. Und dann wird aus all diesen Zetteln und Daten am Ende vielleicht doch so etwas wie eine Performance im digitalen Raum.

    Vortrag: Do. 12.12., 19Uhr, Bremen, Schwankhalle. Infos: www.thedynamicarchive.net